Das Wort Patchworkfamilie ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine Familie, bei der mindestens ein Elternteil mindestens ein Kind aus einer anderen Beziehung einbringt. Rechtlich und amtlich wird dafür der Begriff der Stieffamilie verwendet. Die Beschreibung einer Familie als Patchwork (aus dem Englischen: „Flickwerk“, so etwas wie ein Flickenteppich) hat sich wohl eingebürgert, weil in diesem Bild zum Ausdruck kommt, dass diese Familien aus mehreren Teilen bestehen.

Mit diesem Bild wird wohl auch versucht, ein wenig ironische Distanz einzunehmen. Denn wenn jemand als Familienmitglied einen Patchworkfamilie erlebt hat, dann weiß er, wie schwierig und vielschichtig sich dieses Familienleben oft gestaltet. Die folgende Zeichnung zeigt, dass schon die einfachste Form einer Patchworkfamilie im Grunde aus zwei verschiedenen Familien besteht: Der aktuellen (grüne Farbe) und einer früheren (blaue Farbe), die der eine Partner verlassen hat, um eine neue Familie zu gründen. Die Beteiligten haben es also mit zwei Familien zu tun. Wer erlebt hat, wie schwer es schon sein kann, eine Familie erfolgreich zu organisieren, der kann vielleicht einen Eindruck haben, um wie viel schwieriger dieses mit zwei Familien ist.

 

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Die klassische Familie mit einer Mutter, einem Vater und mindestens einem gemeinsamen Kind wird fachlich und rechtlich als Kernfamilie bezeichnet. Sie ist in Deutschland immer noch die mit Abstand häufigste Form der FamilienorgaKernnisation.

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Es hat immer schon auch Stieffamilien gegeben, z. B. nach dem Tod eines Partners bzw. Elternteils und der Wiederverheiratung des anderen, aber ihr zahlenmäßiger Anteil war in der Vergangenheit sehr gering. In den letzten 30 Jahren hat die Zahl der Stieffamilien erheblich zugenommen, ihr Anteil an allen Familien macht inzwischen etwa 15 % aus. Wenn man die Alleinerziehendenfamilien, die ja häufig eine Übergangsform darstellen, hinzunimmt, sprechen wir insgesamt von etwas 30 % aller Familien.

Die Stief- oder Patchworkfamilie gilt als sehr schwierig zu gestaltende Familienorganisation. Hier soll der Versuch gemacht werden, darzustellen, was diese Struktur so schwierig macht und wie die Probleme, die in dieser Familiensituation aufkommen, gemindert oder gelöst werden können.

Die Familienstruktur der Kernfamilie

Die meisten Menschen, die eine Familie gründen wollen, stellen sich zunächst eine Kernfamilie vor. Eine Frau und ein Mann, heute manchmal auch zwei Männer oder zwei Frauen, haben sich zu einer Partnerschaft zusammen getan und wünschen sich irgendwann auch gemeinsame Kinder. In diesem Zusammenhang ergeben sich Wünsche und Erwartungen dem Partner und später auch dem Kind gegenüber. Es entstehen Rollen, die die Familienmitglieder übernehmen, mit dem Ziel, das Zusammenleben gut organisieren zu können.

Innerhalb der Partnerschaft werden im Allgemeinen Männer und Frauen in der Rolle des Liebes- und Lebenspartner gesehen. Sobald das erste Kind sich ankündigt kommt die Rolle des Vaters und der Mutter hinzu. Diese ist verbunden mit der Erwartung, dass jeder einen Teil an der Versorgung und Erziehung des Kindes übernimmt. Die Kinder übernehmen in der Regel zunächst die Familienrollen, die ihnen von den Erwachsenen angeboten werden. Zum Beispiel haben Jungen häufig andere Rollen als Mädchen oder die älteren Kinder in der Geschwisterreihe andere als die jüngeren.

In der Kernfamilie spielt sich diese Struktur weitgehend unbewusst sehr schnell und effektiv ein. Die Eltern bringen die Erfahrungen aus ihrer eigenen Herkunftsfamilie mit und greifen weitgehend automanisch darauf zurück, so dass sie die Familienstruktur nicht neu erfinden müssen. Aus systemischer Sicht spricht man in diesem Zusammenhang von einem Familiensystem, das sich entwickelt und sehr schnell eine sehr stabile Form einnimmt.

Probleme können in der Kernfamilie an verschiedenen Stellen auftreten. Manchmal fällt es einem Paar bei der Ankunft des ersten Kindes schwer, die Elternrollen einzunehmen und zu gestalten. Sie sind es gewohnt, in der Partnerschaft mit einem erwachsenen Menschen, dem Partner, zu kommunizieren und ihre Wünsche und Bedürfnisse einzubringen. Als Eltern stehen sie vor neuen Anforderungen. Sie sollen jetzt einen kleinen Menschen, der zunächst sehr abhängig von ihnen ist, versorgen, schützen und liebevoll erziehen. Jetzt geht es auch um die Bedürfnisse dieses kleinen Menschen, und die sind anders gelagert als die des erwachsenen Partners. Und jetzt geht es unter Umständen auch darum, eigene Bedürfnisse zeitweise zurückzustellen und in bestimmten Bereichen immer wieder auch Verzicht zu üben. Neu ist nach der Geburt eines Kindes für die Erwachsenen auch, dass es jetzt ein Familienmitglied gibt, das Orientierung und Schutz braucht. Vielleicht wird deutlich, dass das Hineinwachsen in die Elternrolle eine ganz neue Herausforderung an die Erwachsenen in der Familie darstellt. Sie sind jetzt nicht mehr nur Partner, sondern auch Eltern von Kindern.

Die Familienstruktur der Patchworkfamilie

Stiefkind und Stiefelter

Manchmal geht der Wunsch der Partner, dauerhaft eine gemeinsame Kernfamilie zu haben, nicht in Erfüllung. Es kann zur Trennung und Scheidung kommen. Und die Partner können den Wunsch entwickeln, mit einem anderen Partner eine neue Familie zu gründen. In der folgenden Graphik ist veranschaulicht, was dann mit den Beziehungen und den Familienrollen der Beteiligten geschieht.

 

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Wenn beide Partner nach der Trennung eine neue Familie mit Kindern gründen, entsteht ein sehr komplexe Beziehungs- und Familienstruktur. Jeder Partner ist plötzlich Mitglied in zwei Familien. Und wenn sie über ihre Kinder sprechen, können sie sagen: „Das sind meine, das sind deine und das sind unsere“. Außerdem bekommt jeder Partner unweigerlich auch Auswirkungen der früheren Partnerschaft des anderen zu spüren, zumal in der Regel auch weiter Kontakte dahin bestehen.

In der Graphik ist die neue Kernfamilie mit der Farbe grün gekennzeichnet. Sie besteht aus der Mutter, dem Vater und zwei gemeinsamen Kindern. Die Mutter- und die Vaterrolle ist aber nicht dieselbe wie früher. Jetzt hat die Mutter zwei Mutterrollen: Die eine in der jetzigen Familie (grün) und eine in ihrer vorherigen Familie (blau), von der sie jetzt getrennt ist. Das Kind aus dieser früheren Familie (blau) bleibt Mitglied der früheren Familie, unabhängig davon, in welcher der beiden Familien es konkret lebt. Ebenso auf der Seite des Vaters. Er ist jetzt ebenfalls mit zwei Vaterrollen ausgestattet, für die grüne und für die gelbe Familie. Sein Kind aus der gelben Familie aber bleibt ganz Mitglied dieser früheren Familie des Vaters, selbst wenn es bei ihm in der neuen Familie lebt. Und dann gibt es ja noch die Kinder aus der neuen Familie, die sich ganz dieser grün gekennzeichneten Familie zugehörig fühlen.

Die Eltern sind aber auch sowohl in der Rolle eines leiblichen Elternteils als auch in der Rolle eines Stiefelternteils. Der „grün-gelbe“ Vater ist leiblicher Vater zu den „grünen“ und „gelben“ Kindern und Stiefvater zu dem „blauen“ Kind. Und die „grün-blaue“ Mutter ist leibliche Mutter zu dem „blauen“ und den „grünen“ Kindern und Stiefmutter zu dem „gelben“ Kind.

Auch die Partnerebene erweist sich hier als vielschichtiger als in einer Kernfamilie. Durch die Kontakte und Kommunikationen der Partner mit ihrem jeweiligen früheren Partner – z.B. wegen des Kindes – ist es für alle Beteiligten sehr schwierig, die alte Partnerschaft abzuschließen und sich ganz auf die neue einzulassen.

Die Gefühle der Kinder in der Patchworkfamilie

Kinder nehmen die Familienmitglieder und die Familienstruktur anders wahr als die Erwachsenen.

Sie sind nicht in der Lage, die Mutter oder den Vater zu wechseln, die eine Mutter durch die andere, die neue zu ersetzen, ebenso beim Vater. Sie nehmen in der frühesten Kindheit die Signale wahr, die ihre Mutter und ihren Vater kennzeichnen. Schon in der Schwangerschaft nimmt das Kind z.B. den Herzschlag der Mutter als Merkmal ihrer Identität auf. Es nimmt die Stimmen von Mutter und Vater auf und verbindet sie mit der Identität der Eltern. Das sind nur zwei Beispiel dafür, dass Kinder früh ihre Eltern identifizieren. Sie werden dadurch geprägt und die Beziehung wird dadurch aufgebaut und stabilisiert. Diese Prägungen im Kindesalter halten sein ganzes Leben lang an. Sie ergeben eine Verbundenheit zu den Eltern, die das ganze Leben hindurch erhalten bleibt.

Deshalb kann eine neue Mutter oder ein neuer Vater nicht den Platz des ursprünglichen Elternteils einnehmen. Die leibliche Mutter und der leibliche Vater sind nicht austauschbar, sind nicht ersetzbar. Kinder können zwar ähnliche Beziehungen zu anderen Erwachsenen aufbauen, die Beziehung zu einer Stiefmutter oder einem Stiefvater sind aber nicht vergleichbar mit der ursprünglichen Beziehung zu den leiblichen Eltern. Deshalb fühlt sich ein Kind der Familie zugehörig, in die es hineingeboren wurde, auch wenn Mutter und Vater eine neue Familie gründen und das Kind dahin mitnehmen.

Typische Konflikte in der Patchworkfamilie

Erwachsene können häufig dieses Empfinden der Kinder nicht verstehen. Wenn die Mutter verlangt, dass das Kind den Stiefvater als Vater akzeptiert, wird es Probleme geben. Ebenso, wenn die Stiefmutter geliebt werden soll wie die leibliche Mutter.

Welche Rolle können Stiefeltern einnehmen?

Die Rolle der Stiefeltern den Stiefkindern gegenüber ist schwer zu entwickeln. Engagierte Stiefeltern überfordern manchmal sich selbst und die Kinder, wenn sie der neue Vater oder die neue Mutter sein wollen. Vor allem wenn die leiblichen Eltern sich nicht kümmern ist dieser Impuls besonders stark. Aber sie sollten sich klar machen: Die Verbundenheit des Kindes zu einem leiblichen Elternteil ist selbst dann die stärkste, wenn der Elternteil das Kind vernachlässigt.

Die Stiefeltern können sich selbst vielleicht als der neue Partner der Mutter bzw. des Vaters beschreiben oder sie können sich als guter erwachsener Freund anbieten. Sie sollten sich aber vorsichtshalber darauf einstellen, dass sie nie die volle Akzeptanz des Stiefkindes erhalten werden. Es ist kein Zufall, wenn Konflikte in Patchworkfamilien und daraus resultierende Enttäuschungen der Stiefeltern häufig heftig eskalieren, nicht selten bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Elternrolle und Partnerschaft in der Patchworkfamilie

Aus den Doppelrollen in der neuen und der früheren Familie können sich häufige Missverständnisse und Grenzüberschreitungen ergeben, die dann immer auch zu Konflikten führen. Was denkt der neue Partner, wenn seine neue Partnerin zu ihrem früheren Partner geht. Tut sie das, weil sie an einer Weiterführung der früheren Partnerschaft interessiert ist oder weil sie ihre Mutterrolle dem Kind aus der früheren Partnerschaft gegenüber ausüben will? Auch die neue Partnerin kann mit Eifersucht reagieren, wenn ihr neuer Mann sich – vielleicht wegen seines Kindes – mit der früheren Partnerin unterhält.

Wenn die frühere Beziehung der Partner noch nicht angemessen abgeschlossen ist, dann können alte Probleme und Konflikte von dort in die neue Familie hineinwirken. Daraus können sich für die neue Familie große Belastungen ergeben. Die Beispiele, dass ein „Rosenkrieg“ über lange Zeit alle Beteiligten mit viel stress beschäftigt, sind hinlänglich bekannt. Besonders subtil und damit auch gefährlich ist es, wenn die Kriegsanlässe an den Kindern festgemacht werden. Dann können die Kinder schweren psychischen Schaden daran erleiden.

Auf der Elternebene ist es zu erwarten, dass jedes Elternteil eine andere, intensivere Beziehung zu den eigenen leiblichen Kindern hat. Das kann zu Enttäuschungen bei den Stiefkindern führen und zu Konflikten zwischen den Eltern, wenn einer dem anderen vorwirft, sein Kind zu benachteiligen.

Es ist hilfreich, wenn die Partner ihrer neuen Partnerschaft ganz klar die Priorität geben und die alte Beziehung in den Hintergrund stellen. Regelmäßige Kontakte zu früheren Partnern sich nur sinnvoll, wie es wegen der Kinder aus der früheren Familie etwas zu regeln gibt. Die Erwachsenen sollten als Partner und als Elternteil ihre Absichten und offen kommunizieren und ihr Handeln transparent machen. Konflikte sind nicht zu vermeiden. Es hilft aber, wenn dem anderen nicht gleich eine böse Absicht unterstellt wird.

Die Groß-Patchworkfamilie

 Noch komplizierter wird es, wenn man auch die Eltern der Eltern, also die Großeltern der verschiedenen Kinder in die Betrachtung mit einbezieht. Die nachfolgende Graphik zeigt durch die farbliche Gestaltung, dass auch deren Rolle in einer Patchworkfamilie anders ist als in der klassischen Kernfamilie.

 

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Nicht selten beziehen die Großeltern bei und nach der Trennung ihrer Kinder Positionen, die sich problematisch bei den jüngeren Generationen auswirken. Die einen meinen, der frühere Schwiegersohn sei besser als der jetzige, und nehmen eine ablehnende Haltung ein. Oder sie beäugen misstrauisch das Verhalten des Stiefelternteils ihren Enkelkindern gegenüber, oft mit dem Ergebnis, dass dieser es nie richtig machen kann. Oder sie kommen nicht damit klar, dass die Kinder aus den verschiedenen Familien so unterschiedlich im Verhalten sind. Sie sind ja nun Großeltern aller dieser Kinder, aber es fällt ihnen manchmal schwer zu akzeptieren, dass Kinder aus unterschiedlichen Kernfamilien sich auch unterschiedlich entwickeln können.

Den Eltern der Kinder fällt es zu, sowohl ihre eigene Beziehung zu ihren Eltern als auch deren Beziehung zu den Kindern im Auge zu behalten und zu steuern. Es kann hilfreich sein, wenn die Eltern im Laufe ihres erwachsenen Lebens eine gewisse emotionale Distanz zu ihren eigenen Eltern entwickeln konnten. Dann fällt es Ihnen dann leichter, sich abzugrenzen und auch kritische Situationen anzusprechen und zu regeln.

Denn für alle Beteiligten, für die Großeltern, die Eltern und die Kinder sollte klar sein oder klar gestellt werden, dass die Eltern allein für die Erziehung und Entwicklung der Kinder zuständig und verantwortlich sind. Das muss nicht ausschließen, dass Sie von den Großeltern dafür ergänzende Unterstützung erhalten. Dafür sollten sich die Eltern dann auch dankbar erweisen.

Die Resilienz der Kinder in der Patchworkfamilie

Aus Sicht des psychologischen und systemischen Beraters zeigt sich, dass sich die beteiligten Erwachsenen sehr viel schwerer tun mit der Komplexität der Patchworkfamilie als die Kinder. Diese können mit komplexen Beziehungen und mit vieldeutigen Kommunikationen und Verhaltensweisen sehr viel entspannter und konstruktiver umgehen als ihre Eltern und Großeltern. Die Kinder leiden daher selten an ihrer eigenen Rolle und Beziehungssituation in der Stieffamilie. Wenn sie leiden, dann daran, dass die Erwachsenen Stress und Konflikte haben, in die die Kinder dann mit hineingezogen werden. Die Erwachsenen sollten daher darauf achten, dass sie ihre eigenen Probleme mit der Patchwork-Situation nicht auf die Kinder übertragen. Sie sollten diese Probleme für sich selbst lösen.

Siegen, im Juni 2014   Johann Schweißgut, Diplom-Psychologe

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Die Patchworkfamilie