Einiges aus den Erkenntnissen der Psychologie zum Thema Führen und Leiten kurz zusammengefasst.

Die Begriffe Führen und Leiten werden häufig für dasselbe gebraucht, sie bezeichnen aber zwei scheinbar ähnliche, aber dennoch sehr unterschiedliche Tätigkeiten. Unter Führen versteht man im Wesentlichen: Richtung angeben, Struktur schaffen, Krisen steuern, neue Wege entwickeln. Im Unterschied dazu wird Leiten verstanden als: Eine gegebene Struktur organisieren und optimieren, die gegebenen Ressourcen optimal einsetzen, positive technische und wirtschaftliche Ergebnisse erzielen. Für Führen und Leiten sind unterschiedliche Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensstrategien erforderlich.

Zunächst zum Führen

Grundsätzlich hat jeder Mensch in irgendeiner Art die Fähigkeiten zu Führen. Die individuellen Fähigkeiten beziehen sich auf  bestimmten Aufgaben und Situationen. Man nimmt an, dass es eine generelle Fähigkeit für alle Lebenslagen nicht gibt, wohl aber Fähigkeiten, die in mehreren Bereichen zum Tragen kommen können.
Die Gesamtheit der Führungskompetenzen eines Menschen bestehen aus angeborenen und erworbenen Fähigkeiten. Die angeborenen Grundkompetenzen sind genetische und sozial ererbt, die erworbenen Fähigkeiten wurden im Laufe des individuellen Lebens spontan oder durch gezielte Maßnahmen erlernt.
In einer konkreten Führungssituation kommt es darauf an, ob ein Mensch über eine  Grundkompetenz einschließlich einer persönlichen starken emotionalen Motivation für gerade diese Aufgabe verfügt, also z.B. für eine bestimmte Krise oder eine bestimmte Ausweglosigkeit. Wenn ja, dann ist er im Sinne von Führung handlungsfähig, er ist in der Lage, „aus dem Bauch heraus“ zu handeln. Er kann dann im Laufe der Zeit diese Grundkompetenz durch individuelle Erfahrung, durch Training oder Coaching weiter verbessern und entwickeln.
Bei verschiedenen Aufgaben, in verschiedenen Lebensbereichen und in verschiedenen Kulturen sind unterschiedliche Führungskompetenzen erforderlich. In der Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur in Deutschland werden in Wirtschaftsbetrieben grundlegend andere Haltungen und Verhaltensweisen in der Führung verlangt als etwa in Betrieben des Gesundheits- oder Sozialwesens.
Ein Mensch kann daher dort erfolgreich führen, wo die Führungsaufgabe und seine grundlegenden Führungsqualitäten zusammenpassen.

Und jetzt zum Leiten

Diese Tätigkeit des Leitens ist im mittleren Management von Organisationen sehr verbreitet.
Die Aufgabe besteht hier in der Regel darin, die mehr oder weniger eng gesetzten Vorgaben mit einem Teil der Gesamtorganisation, einem Betrieb oder einer Abteilung, zu erfüllen. Die Aufgabenstellung, die Ressourcen und die Strukturen sind in der Regel streng festgelegt.
Leitungskompetenzen sind weitgehend erlernbar und trainierbar. Erfolgreiches Leiten ist daher nicht in gleichem Umfang abhängig von gegebenen persönlichen Kompetenzen.
Allerdings ist die Tätigkeit des Leitens erheblich anfälliger für persönlichen und allgemeinen Stress, weil sie für individuelle, persönliche Einstellungen und Begabungen, die nicht unmittelbar zur Aufgabenerfüllung beitragen, nur sehr wenig Raum lässt. Eine erfolgreiche Leitungskraft ist eher gehalten, Vorgaben optimal zu erfüllen, als wirksame eigene Impulse zu setzen.

Führen und Leiten zusammen?

Führen und Leiten stehen in gewisser Weise auch im Gegensatz zueinander. Menschen die führen haben in der Regel den Drang, die Organisation nach eigenem Gutdünken zu gestalten, in ihrer Wahrnehmung ist es ihre eigene Organisation. Dieses Muster verträgt sich z. B. gar nicht mit der Aufgabe des Leitens, denn hier ist es jemand anderes, etwa eine übergeordneter ProFührungskraft oder der Eigentümer / Stakeholder, die den Stempel aufdrücken wollen.

Im Projektmanagement treffen häufig Anforderungen des Führens und des Leitens aufeinander. Ein Projekt hat in der Regel eher den Auftrag, neue Produkt oder Methoden Wege zu entwickeln, also eine typische Führungsaufgabe. Wenn das Projekt an eine Linienorganisation angeschlossen oder ihr sogar nachgeordnet ist oder wenn der Stakeholder eher in „Linie“ im Sinne von Leitung denkt, kommt es zu strukturellen Konflikten, die das ganze Projekt durchziehen können. Hier sind daher neben Kompetenzen des Führens zugleich auch Fähigkeiten des Leitens gefordert, eine außerordentlich anspruchsvolle Aufgabe für das Projektmanagement.

Im Juni 2013     Johann Schweißgut, Diplom-Psychologe

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