Strukturen und Prozesse in Familien und Partnerschaften haben sich vor allem in den vergangenen fünfzig Jahren stark verändert.

Heute leben mehr Menschen als Single oder in kurzen, wechselnden Partnerschaften. Mehr Ehen werden geschieden. Die Eltern sind bei der Geburt ihres ersten Kindes heute deutlich älter als früher. Es gibt mehr allein erziehende Eltern und sogenannte Patch-Work-Familien. Und es gibt zunehmend offen gelebte gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Die Bereitschaft, auch länger bestehende Beziehungen aufzugeben und neue einzugehen ist gewachsen, leicht abzulesen an den im Laufe der Jahre gestiegenen Scheidungsraten. Ebenso ist der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit auch innerhalb einer Beziehung vor allem bei jüngeren Menschen stärker geworden, verbunden mit der Bereitschaft, dafür auch Konflikte in Kauf zu nehmen. Es wird mehr über die Beziehung miteinander kommuniziert, ausgetauscht und reflektiert. In den Partnerschaften und Familien entwickelt sich eine zunehmend offene Kommunikation.

Diese Entwicklungen vollziehen sich im Rahmen gesellschaftlicher Veränderung. Vor allem die erhöhte Mobilität, die vielseitiger und vielschichtiger gewordene Kommunikation und die Umbrüche in der Arbeitswelt spielen dabei eine große Rolle. Man kann sagen, dass Paare, Eltern und Kinder vor dreißig oder fünfzig Jahren in einer sehr anders gearteten Welt lebten als heute. Aus der Sicht der Alten ist manches, was heute geschieht, beklagenswert aber auch unverständlich, aus der Sicht der Jungen ist die Welt der Eltern und schon gar der Großeltern kaum nachvollziehbar.

Die Rollen, die Erwartungen an Frauen und Männer, an Eltern und Großeltern sowie an Kinder sind heute erheblich komplexer und deshalb viel schwieriger zu erfüllen und zu gestalten. Enttäuschungen von Erwartungen, Konflikte, Trennungen, Zerwürfnisse bleiben nicht aus. Dazu kommen Erwartungen aus dem Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, im Kindergarten, in der Schule u.v.m., die die Komplexität noch einmal erheblich steigern.

Vermutlich hat es noch nie in der Menschheitsgeschichte eine derart große Herausforderung für die Menschen bei der Gestaltung ihres Familienlebens gegeben.

Menschen kommen daher in diesen Zusammenhängen immer wieder an ihre Grenzen. Jeder Einzelne ist bis zum Letzten gefordert, in diesen Lebenszusammenhängen den jeweils besten Weg für sich zu finden. Wie gut ein Weg ist, den jemand eingeschlagen hat, das erweist sich allerdings häufig erst im Laufe der Zeit. Paare, die sich früh getrennt haben, stellen möglicherweise im Laufe der Jahre fest, dass es ihnen in anderen Partnerschaften auch nicht besser ergangen ist. Eltern, die für ihre Familie, ihre Kinder einen bestimmten Weg beschritten haben, müssen manchmal nach zehn oder zwanzig Jahren feststellen, dass dies vielleicht doch nicht der beste war. Andere erleben eine turbulente, konfliktreiche, manchmal belastende Zeit mit dem Partner und den Kindern und stellen später zufrieden fest, dass es gut war, zusammen zu bleiben und die Probleme gemeinsam anzupacken.

Es gibt meterweise Ratgeber für Partnerschaft und Familie. Im Unterschied zu den meisten dieser Angebote werden im Folgenden nur einige wenige aber grundlegende Regeln beschrieben, die es leichter  machen können, Partnerschaft und Familienleben zu leben.

Grundregeln zur Gestaltung von Partnerschaft und Familie

Der Beziehung kann es dann gut gehen, wenn es den einzelnen Beziehungsteilnehmern gut geht. So paradox dies klingt, das wichtigste in einer Partnerschaft ist, dass jeder Partner zunächst für sich selbst gut sorgt. Jeder Mensch braucht Eigenständigkeit, benötigt regelmäßig eine Zeit, in der er für sich allein ist und sich auf sich selbst besinnen kann. Da können manchmal Minuten zählen, etwa nach einem Stress beladenen Arbeitstag auf dem Weg nach hause auf einem einsamen Parkplatz im Auto. Oder am Arbeitsplatz 2x am Tag 5 Minuten allein im Büro oder draußen vor der Tür. Das können Momente sein, in denen man sich innerlich kurz zurück zieht und sich auf sein eigenes Wohlbefinden und die innere Ruhe konzentriert. Eine wohltuende Zeit des Alleinseins kann aber auch ein Abend mit Nichtstun oder mit dem Hobby oder ein Tag mit einer Wanderung im Wald sein. Partner sollten sich wechselseitig den Raum für das Alleinsein lassen, die Partnerschaft kann dadurch nur gewinnen.

Wenn Menschen zusammenleben, dann ist dies immer eine Ansammlung von grundsätzlich unterschiedlichen, eigenständigen Einzelpersonen mit einem jeweils einzigartigen und unverwechselbaren Charakter. Eine wesentliche Grundlage einer gelingenden Beziehung ist die Wertschätzung der Andersartigkeit des Partners und der Respekt gegenüber seinen speziellen Eigenarten. Auch wenn es immer wieder vehement versucht wird, es wird dem einen Partner nie gelingen, den anderen in seinem Verhalten dauerhaft nach den eigenen Wünschen zu verändern. Manchmal helfen da nur Nachsicht oder Vergebung, wenn der Partner etwas sehr verletzendes getan hat.

Über die Liebe ist jetzt noch nichts gesagt. Sie setzt sich im Kern zusammen aus erotischer Anziehung und Vertrauen, mal mehr das Eine und mal mehr das Andere. Darüber kann man nicht diskutieren, entweder beides ist vorhanden oder nicht. Im höheren Alter wird das Vertrauen zueinander immer mehr die tragende Säule einer Beziehung.

In der Elternrolle sind Menschen ebenso unterschiedlich und einzigartig wie in der Rolle des Partners. Jedes Elternteil hat unausweichlich andere Vorstellungen und Verhaltensweisen bezüglich der Erziehung des Kindes. Es wäre aussichtslos, sich auf der ganzen Linie auf eine einheitlich Art der Erziehung zu verständigen, abgesehen davon, dass dies auch schädlich für die Entwicklung des Kindes wäre. Kinder müssen die Individualität ihrer Eltern erleben können, damit sie sich daran orientieren können. Eltern sollten sich auf einige wenige Grundpfeiler einigen, etwa Essenzeiten oder Schlafenszeiten bei kleineren Kindern. Es ist besser weniger solche Grundpfeiler zu haben als mehr. Darüber hinaus entspannt es die Familie sehr, wenn die Eltern wechselseitig die speziellen Erziehungsweisen des anderen akzeptieren können.

Die Familie kann man auch als Organisation sehen. Es ist eine Organisation mit Doppelspitze, Mutter und Vater. Im Unterschied zu Unternehmungen und anderen Organisationen ist es in der Familie aber nicht möglich, den beiden Chefs unterschiedliche Ressorts zuzuweisen. Jeder ist zu jeder Zeit für alles verantwortlich, vor allem auch bezüglich der Kinder. Aber die Kinder, die Großeltern, die Erzieherinnen im Kindergarten, die Lehrer in der Schule müssen alle deutlich wahrnehmen können, dass die Eltern die Chefs für Familie und Kinder sind.

Kinder brauchen den Schutz ihrer Eltern. Die Zeiten, in denen ein Kind sich ganz im Schutzraum der Familie aufhält, werden immer kürzer. Schon das Einjährige kommt es in die Kindertagesstätte, dann folgen Kindergarten und Schule. Da draußen warten viele Enttäuschungen, Bedrohungen, Verletzungen auf das Kind, und zwar von Seiten anderer Erwachsener mehr noch als von Seiten anderer Kinder. Kinder sind dem häufig hilflos ausgeliefert. Es ist eine oft vernachlässigte Aufgabe der Eltern, den Kindern dafür den Rücken zu stärken, sie zu unterstützen und bei Bedarf zu verteidigen.

Die Mutterliebe und die Vaterliebe sind bisher nicht angesprochen worden. Man kann davon ausgehen, dass diese Liebe immer da ist, auch dann, wenn sie sich mehr in Kritik und Ablehnung äußert als in Annahme und Zuneigung. Diese Liebe zu seinem Kind ist dem Menschen angeboren wie die Gliedmaßen und Körperorgane. Nur sehr selten scheint die Liebe zu Kind nicht gegeben, dann ist allerdings das Jugendamt angesagt.

Die Kinder brauchen vor allem dann den Schutz der Eltern, wenn diese sich zur Trennung und Scheidung entschieden haben. Mehr noch als für die Partner bricht dann für die Kinder eine Welt zusammen. Daher brauchen sie dann den Schutz beider Eltern, anderenfalls besteht die  Gefahr, dass sie für ihr Leben geschädigt sind. Unter dem Schutz der getrennten Eltern andererseits können sie diese Entwicklung im Allgemeinen gut und oft auch ohne Hilfe von außen verarbeiten.

Hier ist jetzt nicht auf die Familienkonstellationen Alleinerziehend und Patch-Work-Familie eingegangen worden, weil das hier den Rahmen sprengen würde. Dazu wird es an dieser Stelle noch gesonderte Veröffentlichungen geben.

Siegen, im Mai 2014                          Johann Schweißgut, Diplom-Psychologe

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Partnerschaft und Familie