Das junge Paar ist gar nicht mehr so jung: Als die jetzigen Großeltern Eltern wurden, waren sie 21 und 25 Jahre alt, die frischgebackenen Eltern sind jetzt 33 und 39 Jahre alt. Dennoch: Aus Sicht der Großeltern sind sie die „jungen Eltern“.

Das Kind wird bald besichtigt. Es ist alles dran, alle sind begeistert. Und es dauert nicht lange, da  geht es los: Hat es nicht die Augen von der Oma? Und diese Nasenpartie, die hat es vom Opa. Die anderen Großeltern wollen sich selbstverständlich auch bei dem Kleinen wiederfinden. Sind das nicht die charakteristischen Ohren des Opas? Und diese Oma, geht die leer aus? Sie schaut jetzt etwas pikiert. Hat denn der Kleine mehr von den anderen als von uns? Alte schwelende Konflikte deuten sich wieder an: Welche Familie ist besser, tüchtiger, hat die Kinder besser erzogen? Es ist vielleicht ganz gut, dass man sich nicht so häufig begegnet.

Und da gibt es noch ein Thema, das beschäftigt die Familie väterlicherseits des Kleinen besonders: Ein Mädchen? Man hatte ja doch auf einen Stammhalter gehofft. Man wusste es ja schon sein einiger Zeit, aber jetzt, da es da ist, ist es doch spürbar: Ein Junge hätte den Opa sehr stolz gemacht. Jetzt muss er wohl noch eine Weile warten, bis – hoffentlich – das zweite Kind kommt, das wird dann doch wohl – hoffentlich - der ersehnte Stammhalter sein.

In vielen Jahren des Zusammenlebens haben alle – Gott sei`s gedankt – Routine darin entwickelt, trotz des einen oder anderen Grummelns den familiären Frieden zu bewahren und die empfindlichen Stellen des anderen zu schonen. Aber die nächsten Herausforderungen stehen schon ins Haus.

Wird das Kind etwa nicht gestillt? Das ist doch für eine gesunde Entwicklung und die Abwehrkräfte das allerbeste für das Kind. Und sowieso, wieso musste es eigentlich ein Kaiserschnitt sein? Es war doch alles in Ordnung und Oma hat doch auch alle ihre Kinder auf natürlichem Wege zur Welt gebracht. Und was haben denn die Eltern gegen die Bauchlage? Für die Kinder der Oma war das sehr gesund, wieso soll das jetzt auf einmal wieder anders sein? Überhaupt, wieso kocht die Mutter dem Kind nicht selbst das Essen, immer diese Gläschen mit dem Fertigzeug, wer weiß denn, was da alles drin ist, man hört da ja immer wieder im Fernsehen etwas.

Bei den Eltern des Kindesvaters kommen langsam Zweifel auf, ob die Schwiegertochter wohl die richtige Einstellung zu dem Kind hat. Sie will die Elternzeit gar nicht vollständig nutzen, sondern schon früher wieder arbeiten gehen. Erst Kaiserschnitt, dann nicht stillen, und jetzt das! Und sie will doch tatsächlich das Kind schon mit einem Jahr in die Kindertagesstätte geben. Wo doch ein

Kind seine Mutter mindestens bis zum Alter von drei Jahren braucht. Dann braucht sie sich auch nicht zu wundern, wenn sie später Probleme mit dem Kind bekommt. Und der Kindesvater überlegt

ernsthaft, selbst einen Teil der Elternzeit zu nehmen. Hoffentlich wirkt sich das nicht nachteilig auf seine berufliche Karriere aus! Irgendwie hatten seine Schwiegereltern schon seit längeren das Gefühl, dass er kein richtiger Kerl ist, zu weich, lässt sich von seiner Frau herum kommandieren, und im Betrieb setzt er sich wohl auch nicht so durch wie es sein könnte. Was sollen seine Arbeitskollegen auch denken, wenn sie ihn sehen, wie er den Kinderwagen schiebt, während seine Frau sich mit dem Nachbarn offensichtlich munter unterhält?

Die Großeltern väterlicherseits: Also, als unsere Kinder so alt waren konnten die längst frei laufen. Und die Kleine? Noch nichts ist. Aber die Mutter hat sich ja auch nicht richtig gekümmert, das Kind gleich in die Kindertagesstätte gegeben.

Die Großeltern mütterlicherseits: Der Vater des Kindes kümmert sich ja auch nicht richtig. Ständig wird es im Kinderwagen geschoben, statt das er mal mit ihm Laufen übt.

Es ist nicht so einfach, wenn aus den eigenen Kindern Eltern werden. Für Großeltern ist es manchmal schwer, sich vorzustellen, ihre Kinder könnten genau so gute Eltern sein wie sie selbst es einmal waren. Und sie übersehen manchmal, dass sie als Großeltern keine guten Eltern für ihre Enkelkinder sein können. Aber sie können gute Großeltern sein.

Eltern haben die Verantwortung für ihre Kinder, immer und überall, solange sie klein sind. Großeltern dagegen dürfen auch nach Hause gehen, sich ausruhen und langweilen oder feiern, denn sie tragen keine Verantwortung für ihre Enkel. Eltern müssen ihre Kinder erziehen, damit sie auf einem guten Weg sein können, Großeltern dürfen Ihre Enkel auch mal verwöhnen und eine fünfe gerade sein lassen. Eltern müssen sich darum kümmern, dass die Kinder für die Schule lernen, und sie müssen dann auch notfalls streng sein. Großeltern können den Kindern Märchen erzählen oder Geschichten aus ihrer Jugend. Eltern sind manchmal überlastet durch Familie und Beruf, haben Stress und sind genervt. Großeltern können sie ein wenig entlasten, sich manchmal um die Kinder kümmern, aber sie könne den Eltern den Stress nicht nehmen, da müssen diese sich selbst um sich kümmern.

Siegen, im November 2013    Johann Schweißgut, Diplom-Psychologe

 Clipboard01
Ein Enkelkind wird geboren